Blockchain: vorübergehender Hype oder bedeutende Technologie?

Die Menschen neigen zur Schwarz-Weißmalerei – war die Blockchain Technologie bis vor kurzem noch die Lösung für alle IT-Probleme und der Bitcoin die Währung der Zukunft, sehen jetzt alle Schwarz.

 

 

Ein großer US Bitcoin Miner hat gerade Insolvenz angemeldet, da der aktuelle Bitcoin-Kurs die horrenden Energiekosten nicht mehr trägt. Schätzungen zufolge verbraucht allein die Bitcoin Blockchain ungefähr so viel Strom wie der gesamte Irak. Ich habe diese ineffiziente Währungsspekulation auf dem Rücken unseres Planeten schon immer verurteilt und ich freue mich über jeden „Miner“ der in die Insolvenz geht.

Sind Blockchain und Kryptowährungen jetzt also tot, bevor sie wirklich groß wurden?

Nein, im Gegenteil: nach der unschönen Blase folgt jetzt wertvolle Substanz!

Schon 2017 in Interviews und in meinem 2018 erschienenen Buch “Startup-DNA” habe ich vor dem Bitcoin „gewarnt“. Die Blockchain 1.0, auf der diese Währung basiert, ist eine brillante Idee, hat aber zu viele technische Unzulänglichkeiten. Eine einzelne Bitcoin Transaktion benötigt aufgrund der komplexen Validierungen derzeit fast so viel Strom, wie 15 Haushalte in den USA an einem Tag verbrauchen. Zum Vergleich: das ist für eine einzige Übertragung fast viermal so viel, wie 100.000 Kreditkartentransaktionen an Energie benötigen. Zudem ist durch die aufwendigen Prozesse die Zahl der Transaktionen pro Sekunde limitiert, derzeit sind es rund sieben. Ein Zahlungssystem, das so viele Ressourcen verbraucht und so ineffizient ist, hat zu Recht keine Zukunft verdient. Dazu kommt, dass der Bitcoin zu früh und zu schnell ins Visier von gierigen Spekulanten kam, denen es nie um eine effiziente Kryptowährung ging, sondern nur um den schnellen Gewinn.

Doch inzwischen gibt es ganz andere technische Lösungen, die die Vorteile der Blockchain – insbesondere die hohe Transaktionssicherheit durch das System der Konsensualisierung durch die Beteiligten – bei einem deutlich niedrigeren Stromverbrauch bieten. Anders als bei der Bitcoin Blockchain erfolgen die Validierungsprozesse nicht aufwendig “in der Kette” (chain) hintereinander, sodass dieser Flaschenhals wegfällt. Da die Konsensualisierung eben nicht hintereinander abläuft, ist bei diesen modernen Varianten auch der Begriff “Distributed Ledger” (verteiltes Kassenbuch), abgekürzt DLT, passender und technisch genauer. Dazu kommt, dass es inzwischen deutlich effizientere Algorithmen gibt, als die beim Bitcoin eingesetzten.

Was ist eigentlich, fern von jedem Hype, die Magie eines DLTs?

Es gibt viele unterschiedliche Distributed Ledger Technologien, aber sie alle basieren auf ein und derselben Idee: Eine Anreihung von Ereignissen wird dezentral, auf vielen verschiedenen Computern, in Form von mathematischen Regeln gespeichert. So entsteht eine Datenkette, die technisch nicht manipuliert werden kann, da diese Daten nur dann validiert sind, wenn das „Netzwerk“ dem nach festgelegten Regeln, meist dem Mehrheitsprinzip, zustimmt. Herkömmliche zentrale Datenbank-Systeme können dagegen technisch durch eine Person (ohne Protokoll) recht einfach manipuliert werden, da die Sicherheit dabei durch Zugangssysteme, Passwörter, Protokolle, Verträge, Beobachtung und Vertrauen hergestellt wird – und all dies lässt sich mit entsprechender krimineller Energie umgehen. Bei Blockchain/DLT Datenbanken ist durch das System der Konsensualisierung diese Sicherheit bereits in der “DNA” integriert. Jede Art der Datenspeicherung die von dieser Sicherheit profitieren kann, sollte und wird hoffentlich in Zukunft ein DLT-System verwenden. Heutzutage sind diese Systeme deutlich komplexer umzusetzen und teurer im Betrieb als klassische zentrale Datenbanken. Dieser Nachteil wird im Grundsatz bleiben, aber deutlich geringer werden – und die Sicherheitsvorteile wiegen diesen bei vielen Anwendungsszenarien bei weitem auf:

Unternehmensanteile

Neufund, ein Startup an dem ich mit Freigeist Capital beteiligt bin, ermöglicht den Handel von Unternehmensanteilen über eine DLT Plattform – und dies viel schneller und kostengünstiger, als es bei der Börse möglich ist. Wenn der Gesetzgeber die richtigen Weichen für einen breiten Einsatz stellt, kann Deutschland Vorreiter bei den Finanzmärkten der Zukunft werden.

Verwaltung

Dubai ist dabei, das gesamte Grundbuch auf eine Variante der Distributed Ledger umzustellen. Eigentumsübertragungen werden sicherer und viel schneller und alle Verträge rund um eine Immobilie können an die Plattform andocken, z.B. Versicherungen, Energieversorger oder auch Mietverträge. So steht eine zentrale, sichere Anlaufstelle für die gesamte Verwaltung einer Immobilie zur Verfügung.

Energie

Überhaupt stellt der gesamte Energiemarkt ein ideales Umfeld für die Technologie dar. So kann die komplette Abrechnung zwischen Erzeugern, Transportnetzen und Verbrauchern automatisiert über Smart-Contracts erfolgen und eine dezentralisierte Energieversorgung wird so ermöglicht. Innogy arbeitet z.B. an einer DLT Plattform, bei der die gesamte Stromabrechnung von Elektroautos automatisiert erfolgt. Aber auch Mautgebühren und andere Kosten, die rund um das Auto entstehen, sollen darüber abgerechnet werden können.

Medizin

In der Medizin könnte man mithilfe von DLT z.B. bei Medikamenten die gesamte Kette von der Herstellung – inklusive sämtlicher Inhaltsstoffe und Prozesse – über den Transport bis hin zur Verwendung durch den Patienten dokumentieren. Verunreinigungen, Fälschungen und Diebstähle können so weitgehend vermieden und zumindest erkannt werden, was den boomenden und gefährlichen Schwarzmarkt für Arzneimittel bekämpfen kann.

 

 

Originalcontent Xing-Insider

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